Sovereign Glory

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Es gibt Tests, die dauern eine halbe Ewigkeit. Und andere, die könnte ich auch nach wenigen Minuten abschließen. Die „Glory“ von Sovereign: Sie spielt – und wie sie spielt! Viele Tage und Nächte habe ich ihr verzückt gelauscht und mir all die Verstärker ins Gedächtnis zurückgerufen, die ich in den vielen Jahren habe hören dürfen oder – gilt für den einen oder anderen Kandidaten – habe hören müssen.

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Bleiben wir bei einer Positivauswahl. Was mich an dieser Sovereign absolut fasziniert, ist der farbreiche, mächtige, aber nicht allzu mächtig, himmlische Bass. Kenne ich etwas Vergleichbares? Auf keinen Fall in einer Preisklasse, die unterhalb der Glory liegt. Eher darüber oder besser noch: deutlich darüber. Mir fallen diverse Endstufen von McIntosh ein. So eine MC 1000 hatte diesen besonders prickelnden Tiefgang, noch prägnanter und nachhaltiger war die unglaublich aufwendige und auch zig Mal so teure 2kW des gleichen Herstellers.

Diese betörende Anmut in den Mitten erinnert mich an die feinsten Class-A-Verstärker von Accuphase oder an solch famose Röhren-Geräte wie die von Convergent.

Was mir gerade auffällt: Mir kommen nur Mono-Endstufen in den Sinn, an eine vergleichbare Stereo-Komponente kann ich mich beim allerbesten Willen nicht erinnern.

Ein Tag später, die Glory arbeitet unermüdlich im Dauerbetrieb. Bei mir setzt etwas ein, was ich auch früher sehr selten erlebte: Ich lausche einem Track nach dem anderen und bin immer wieder aufs Neue gespannt, wie unterschiedlich sich die Stücke anhören. Und immer wieder überrascht: Denn auch diverse Oldies, die sich halt im Laufe der Jahre so ansammeln, klingen in der aktuellen Kette mit Vorverstärker Cello Audio Suite und den Lautsprechern Canton Vento Reference immer ein wenig (oder ein wenig mehr…) besser, packender, relaxter als in den vergangenen Jahren. Dabei habe ich die richtigen Asse noch nicht einmal aus dem Ärmel gezogen. Nichts anderes als mein kleines Mac-basiertes Netzwerk speist als Quelle die Anlage. Was habe ich also alles noch vor mir: Unzählige, teilweise klasse produzierte CDs und SACDs warten noch und nicht zuletzt, quasi zur Krönung des audiophilen Hochgenusses, kommt noch die Schallplatte, abgespielt von einem Clearaudio Master Reference, zum Einsatz.

Aber verharren wir noch beim status quo. Wenn Du einen rotzfrechen, tunlichst live aufgenommenen Rock-Song hörst (Stones oder so etwas in der Art), schwörst Du, die HiFi-Kette sei einzig und allein dafür konzipiert, dieses Stück Musik so in dein Wohnzimmer zu beamen, wie es die Leute im Konzert erlebt haben. Dann atmest Du tief durch und zappst auf ein – sagen wir mal – kammermusikalisches Kleinod oder ein klassisches Lied. Jetzt widerfährt Dir das Gleiche: Du meinst nämlich, dass die Kette erdacht, entwickelt und gebaut wurde, um genau dies optimal zu reproduzieren.

Dass die Endstufen von Sovereign exzellent klingen, weiß ich übrigens nicht erst seit drei Tagen. Ich tauche ab in längst vergangene Zeiten, in den Hörraum eines längst vergangenen Magazin, der seligen HiFi-Vision. Dort standen – wenn mich mein Gedächtnis jetzt nicht im Stich lässt – Mono-Endstufen namens "First Class" des Elzer Herstellers. (User Volker Lehr hat mich auf die korrekte Typenbezeichnung hingewiesen. Danke!) Wenn sie liefen, liefen die damaligen Kollegen flugs in den Hörraum, um sich daran zu berauschen. Leider liefen sie nur selten, die meiste Zeit – sorry – waren sie defekt. Damals hievte ich diverse Endstufen ins Auto, um sie mir in den heimischen vier Wänden anzuhören. Die, die mir gefielen und solche, die mir im offiziellen Hörraum weniger oder überhaupt nicht gefielen. So einen Riesenklotz von Restek (hieß Exponent) oder Monos von Sphinx. Mit beiden hatte ich im Redaktions-Hörraum meine Probleme: Die mächtige Restek konnte einfach vor Kraft nicht laufen, die holländischen Monos klangen teilnahmslos langweilig. Zuhause, in gewohnter Umgebung, potenzierten sich diese negativen Einschätzungen.

Gottlob erwischte ich für den Heim-Versuch der Sovereign ein Zeitfenster, in der sie funktionierten (entweder sie spielten einwandfrei oder überhaupt nicht, ein "Dazwischen" gab es nicht). Seit jenem Wochenende im Frühjahr 1992 weiß ich um die besonderen Qualitäten von Sovereign.

Nun gut, jetzt dauert auch dieser Test eine kleine Ewigkeit. Für gelili.de und ein weiteres, bald startendes Projekt, musste der Verstärker quer durch die Republik reisen, um professionell fotografiert zu werden. Zusammen mit dem Kollegen Meister, der die Sovereign bislang nur aus meinen schwärmerischen Berichten kannte, hievte ich die Glory danach wieder auf ihren Platz. „Jetzt zeige ich Dir mal, wo der akustische Hammer hängt“, raunte ich ihm zu. Mit der etwas schrägen, aber irgendwie exzellent produzierten Scheibe „Heavy Cross“ von Gossip wollte ich es krachen lassen.

Der Konjunktiv verrät, wie es endete: Es klang nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Es ist kein Witz, keine akustische Mücke, die zum Elefanten hochgeschrieben wird – die Glory muss zwingend ein paar Stündchen am Netz saugen, bevor man sie ernsthaft hören sollte. Die Empfehlung des Herstellers, sie überhaupt nicht auszuschalten, dürfte aus ökonomischer und ökologischer Sicht mit Verachtung gestraft werden, nachzuvollziehen ist sie (leider).

Was sich mit datenreduziertem Musikmaterial schon andeutete, wurde mit hochauflösenden Downloads (Empfehlung: www.bowers-wilkins.com/) und mit superb gepressten Langspielplatten zur Gewissheit: Diese Endstufe spielt in einer anderen Liga als herkömmliche in dieser Preisklasse. Sie macht alles in allen Disziplinen nahezu perfekt.

Persönlich zähle ich sie zu den ganz wenigen Ausnahme-Komponenten, die mir in den vergangenen 20 Jahren begegnet sind.

Joachim Pfeiffer

letzte Änderung: 08.01.2011 18:57